[W2] Der liebe Alltag

Hi there,

Sonnenuntergang über dem Columbia Lake auf meinem Weg zu einer besseren Ernährung.Uff, nachdem die erste Woche noch viel passiert ist, sind die letzten beiden Wochen nun wie im Flug vergangen. Natürlich ist immer noch viel passiert, doch nachdem sich relativ schnell der geliebte Alltag eingeschlichen hat, finde ich kaum noch Zeit, die Erlebnisse der Woche kurz zu formulieren. Mal sehen, ob ich noch auf die Reihe kriege, was in der vorletzten Woche alles passiert ist.

Wie oben schon erwähnt, hat sich hier nun doch ziemlich schnell eine Art Alltag eingeschlichen. Unter der Woche geht es morgends zur Uni, Montag, Mittwoch und Freitag sind meine Vorlesungstage, da habe ich frühmorgends Biochemie und dann vor dem Mittagessen Englisch. Nachmittags schaue ich dann noch im Labor vorbei. Dienstag und Donnerstag habe ich keine Vorlesung, also hänge ich da meißtens im Labor ab und arbeite an meinem Projekt. Da ich, wie bekannt sein sollte, nicht zu den Frühaufstehern gehöre, bin ich an diesen Tagen meist ein bisschen später dran, dafür probiere ich dann aber auch ein bisschen länger zu bleiben. Das mit dem länger in der Uni bleiben gestaltet sich nur meist ein bisschen schwieriger, entweder habe ich mir morgends mangels Zeit nichts zu essen mitgenommen und bin froh, wenn ich nachmittags hungrig so schnell wie möglich nach hause komme, oder es erwartet jemand meinen Anruf, dann ist es auch ratsam etwas eher nach hause zu gehen, da die Zeitverschiebung in diesem Falle gegen mich arbeitet. Sobald ich zuhause bin ist es meist Essig mit Unikram, da ich zuhause (aus welchem Grund auch immer) eigentlich nie dazu komme, etwas für die Uni zu machen. Daher habe ich mir fest vorgenommen, in der nächsten Zeit zum Lernen in die Unibibliothek zu gehen, da sind genug Arbeitsplätze und die Atmosphäre ist dort angenehmer.

Die Bibliothek ist hier etwas anders strukturiert als in Paderborn. Der Schwerpunkt liegt hier weniger auf den Büchern (die gibt es auch) sondern eher auf Arbeitsplätzen. Die ganze Bibo ist voller Arbeitsplätze! Es gibt Arbeitsplätze mit PC, Gruppentische für die Zusammenarbeit, oder sog. “Silent study”-Bereiche, in denen Einzelarbeitsplätze untergebracht sind, natürlich alle mit Strom für Laptop o.ä. Essen und trinken ist auch nicht verboten (nur warme Mahlzeiten sind nicht erlaubt) und man darf seine Tasche mitnehmen. Es gibt ausserdem Kopierer und Drucker inkl. Tacker und Locher, sodass damit das wichtigste Equipment für die Arbeit vorhanden ist. Da die Bibo nur 10 Minuten von meiner Haustür entfernt liegt, bietet es sich nahezu an, zum lernen oder Arbeiten eben dort hin zu gehen.

Mein Lieblingsarbeitsplatz in der Unibibliothek im Davis-Center. Wenn es noch nicht allzu spät ist, kann man prima aus dem Fenster gucken.

Mein Lieblingsarbeitsplatz in der Unibibliothek im Davis-Center. Wenn es noch nicht allzu spät ist, kann man prima aus dem Fenster gucken.

Apropos Locher: Wusstet ihr, dass in Nordamerika ein anderes Papierformat sowie ein anderes Locherformat verwendet wird? Das normale Papier hat hier das Format “Letter” (8,5 in * 11 in), welches mit 215,9 mm * 279,4 mm ein bisschen breiter und ein bisschen weniger hoch als das internationale A4 Format ist (210 mm * 297 mm). Das Locherformat hat 3 Löcher, eines oben und unten und eines in der Mitte. Daher sind die Locher hier auch ein bisschen klobiger, da sie die gesamte Seitenkante des Blattes umfassen. Als ich das gemerkt habe musste ich mir erstmal einen neuen Ordner kaufen, der zu den hier gültigen Standarts passt, da mein alter sowohl inkompatibel mit dem Papierformat (das Letterformat ist zu breit) als auch mit dem Locherformat ist. Immerhin habe ich so einen Ordner, in dem ich auch nach meine Rückkehr alle Sachen aus Kanada aufbewahren kann. Das Locherformat gefällt mir hier aber besser als das in Deutschland. Durch das Loch ganz oben reisst das Papier nicht so schnell aus, wenn der Ordner aufrecht steht.

Der Unterschied zwischen Letter und A4, sowie zwischen den Heftungen.

Der Unterschied zwischen Letter und A4, sowie zwischen den Heftungen.

Vom Papierformat zurück zum Alltag. In den ersten knapp zwei Wochen habe ich mich fast ausschliesslich von Mikrowellen- und anderen Fertiggerichten sowie Brot und Cereals ernährt, weil ich zu geizig war, mir eine Pfanne zu kaufen sowie zu unkreativ für eine Anpassung an die hier erwerbbare Nahrung. Am Mittwoch bin ich dann, nachdem ich eine weitere Dose Mikrowellenfraß in mich hineingezwängt hatte, schlussendlich ausgerastet. Ganz ehrlich, ich kann nicht verstehen, wie sich Menschen nur von diesem Müll ernähren können. Es schmeckt scheisse, man hat dank Aufstossen den ganzen Tag etwas davon, es ist ungesund und es macht verdammt nochmal unglücklich. Der einzige Vorteil ist, dass es schnell geht und dass man sich den Abwasch spart. An dem Abend bin ich nochmal los zum Sobeys gefahren und hab einfach alles eingekauft, das ich gerne essen würde, ungeachtet des Preises und der Zubereitung. Leider bin ich nicht weit über die Obst- und Gemüseabteilung hinausgekommen, da war der Korb schon voll und ich muss den ganzen Kram ja auch irgendwie im Bus mitnehmen. Also ab nach hause mit Tüten voller Obst und Gemüse. Immerhin etwas, so liessen sich wenigstens die nächsten Tage überleben. Glücklicherweise fährt Mourad, einer meiner Roommates, immer Samstags mit seinem blauen Honda einkaufen. Am Samstag habe ich mir dann erstmal bei Walmart eine Pfanne gekauft, Rührei mit Bacon ich komme! Ausserdem habe ich an dem Tag gelernt, das Sobeys (mein Einkaufsfavorit bis dahin) “just for rich white people” ist. Wir sind dann zu FreshCo. gedüst und ich habe mich mit dem Rest eingedeckt, den ich Mittwoch nicht mehr gekauft hatte. FreshCo. ist wirklich billiger als Sobeys, nun kann man wirklich nicht mehr sagen, dass Lebensmittel sooo viel teurer sind als in Deutschland. Man muss halt bei den richtigen Läden einkaufen und die Sonderangeboten mitnehmen (wie in Deutschland ja auch) dann kommt man auch vernünftig mit seinem Geld über die Runden. Aber zum Einkaufen wollte ich ja nochmal separat was schreiben.

Sonnenuntergang über dem Columbia Lake auf meinem Weg zu einer besseren Ernährung.

Sonnenuntergang über dem Columbia Lake auf meinem Weg zu einer besseren Ernährung.

Am Donnerstag war ich nachmittags Ultimate Frisbee spielen im Rahmen der Welcome Week. Ich dachte, das wird so eine Einführungsveranstaltung und nachher bekommt man gesagt, dass man das auch regelmässig spielen kann, aber weit gefehlt. Es war einfach nur eine Stunde Ultimate Frisbee mit einigen Freiwilligen bei höllischem Wind und danach sind alle nach hause gegangen. Ich hab mich da zum ersten mal seit bestimmt einem halben Jahr wieder sportlich betätigt. Nach nicht einmal 10 Minuten rumgerenne brannten meine Lungen und ich schmeckte Blut. So anstrengend hatte ich das gar nicht in Erinnerung. Ich sollte öfter Sport treiben. Die nächsten beiden Tage konnte ich mich kaum bewegen. Es gibt anscheinend auch einen Ultimate Frisbee Club an der Uni, nur die HP ist nicht aktuell und ich hatte bisher weder Zeit noch Muse mich damit näher zu befassen, auch wenn das vielleicht ganz interessant währe. Insgesamt hab ich mich, entgegen meiner Vorsätze, bisher noch nicht um ein Sportprogramm bemüht, ich rede mir immer ein, dass ich doch auch selber für mich Sport machen kann, aber ich sollte mir nichts vormachen. Zurzeit sieht es jedenfalls schlecht aus mit Sport. Schade.

Das Wochenende war wider Erwartung ziemlich cool. Am Montag war Victoria Day (Tag zu Ehren des Geburtstages von Queen Victoria, aber nicht der Geburtstag selber), d.h. keine Uni. Samstagabend (nach dem sehr erfolgreichen Einkauf) habe ich mit Tashrif, einem meiner Roommates einen ziemlich coolen Film geguckt. Cloud Atlas ist einer der bisher teuersten Independent-Filme und hat eine Laufzeit von unglaublichen 172 Minuten (fast 3 Stunden!). In dem Film sind 6 unterschiedliche Handlungsstränge vorhanden, die am Ende alle irgendwie miteinander verbunden sind. Keiner der Handlungsstränge wird aber irgendwie vernachlässigt, sondern es werden alle äquivalent entwickelt, daher ist der Film auch so lang. Natürlich hat der Film auch seine Schwächen, jedoch habe ich lange Zeit keinen derart guten Film mehr gesehen. Wenn ihr die Möglichkeit habt ihn zu gucken, er ist es auf jeden Fall Wert, aber stellt euch darauf ein, dass ihr ein bisschen dabei nachdenken müsst.

Am Sonntag Abend bin ich mit Tashrif und seinem Freund John raus, Tashrif wollte unbedingt Feuerwerk zünden. Keine Ahnung ob das erlaubt ist, aber es schein üblich, das zum Victoria Day zu machen. Wir sind dann also (nachdem wir uns über eine halbe Stunde verlaufen hatten) irgendwann bei einer WG gelandet, wo ein weiterer Freund von Tashrif jemanden kannte. Optimale Voraussetzungen für einen gelungenen Abend. Nachdem wir zum Waterloo Park gegangen und dort das Feuerwerk gezündet hatten, hab ich mich mit John zusammen wieder verabschiedet, da mir die Gesellschaft überhaupt nicht zusagte. Tashrif war ein bisschen betrunken und wollte noch bleiben. Dann bin ich mit John nach hause gegangen, wir haben uns auf dem Weg gut unterhalten. Zuhause angekommen hatte uns Tashrif auch schon wieder eingeholt, er war kurz nach uns gegangen, da sein Freund, der die WG kannte auf einmal verschwunden war. Wir haben uns dann zu dritt noch ein bisschen unterhalten, was ziemlich cool war, und dann wollte John mit seinem Auto nach hause. Und da passierte es.

Beim rückwärts über den Bordstein ausparken verkantete sich ein grösserer Stein am ungünstig am Borstein und riss ein Loch in die Benzinleitung, das Auto wollte nicht mehr fahren und Benzin lief aus. Nun, was tun? Also erstmal mit vereinten Kräften das Auto wieder auf die Auffahrt geschoben und einen Pott unter das Benzinleck gestellt. Erste Idee war, das Benzin einfach leerlaufen zu lassen, dummerweise war der Tank randvoll. Nach mehreren “Fuck!” war dann der Wagenheber gefunden, in Position und das Unglück konnte näher begutachtet werden. Tashrif hatte inzwischen Mourad geweckt, keine Ahnung welche Hilfe er sich von ihm erhoffte. Immerhin war Mourad nüchtern. Während die drei von der Tankstelle noch debattierten, lugte ich kurz unter das Auto. Die Benzinleitung war an eine Verzweigung direkt hinter ein paar Schlauchschellen gerissen, Glück im Unglück. Also Schraubenzieher organisiert, die Schlauchschellen entfernt und das lange Ende der Benzinleitung provisorisch mit den Schlauchschellen wieder an der Verzweigung befestigt. Natürlich ohne Schutzkleidung im unaufhaltsamen Benzinstrom, aber normalerweise sollte der Säureschutzmantel der Haut das über kurze Zeit wegstecken, auch wenn Benzin so ziemlich das giftigste ist, was man als Normalsterblicher kaufen kann. Immerhin konnte das Leck so geschlossen werden, der Motor sprang wieder an und John konnte nach Hause fahren. Nachdem ich meine Arme mehrfach mit Seife gewaschen hatte, musste ich feststellen, dass Haut auf längeren Benzinkontakt mit Juckreiz und einer Art allerginschen Reaktion reagiert. Interessant. Ansonsten habe ich, außer Erfahrung, keine bleibenden Schäden davongetragen. Seltsamerweise war ich der einzige, der wusste, das Benzin derart gftig und schädlich ist. Tja, war die Chemie doch noch zu etwas gut.

Benzin verursacht bei längerer dermaler Exposition eine allergische Hautreaktion. Nachgewiesen im Selbstversuch.

Benzin verursacht bei längerer dermaler Exposition eine allergische Hautreaktion. Nachgewiesen im Selbstversuch.

Das waren dann meine tollen Erlebnisse der vorletzten Woche vom 12.05 bis zum 18.05, die Erlebnisse der letzten Woche werde ich so schnell wie möglich hinterherschieben. Bis dahin

Grüßchen,

Niko

2 Gedanken zu „[W2] Der liebe Alltag

  1. Katrin

    Hey mein Schatz,
    schön das du so nette Leute kennen gelernt hast, das freut mich.
    Ich wäre dir dennoch sehr dankbar, wenn du die Selbstversuche auf ein Minimum reduzieren
    würdest, schließlich will ich, dass du einigermaßen heil wieder in Deutschland ankommst :-)
    Ich liebe dich

    Antworten
  2. Anke

    Hey Niko,

    es tut mir leid, dass ich das hier jetzt erst gelesen habe. Ich tue mir auch ein bisschen selbst leid, weil ich die letzten Woche selten so gelacht habe. Sorry, aber das ist wirklich irgendwie lustig. Du musst unbedingt einen Artikel für die Chem is try schreiben 😉 😉 😉 😉 Ich musste grade mal spontan an die Sicherheitsunterweisung bei Herrn Egold denken 😉
    Das mit deiner Ernährung finde ich natürlich eher traurig 😉

    Beacon and eggs kann ich nur empfehlen, weißte ja 😉 Hier in Deutschland hat Petrus mal wieder die Gießkanne ausgepackt, der kurze Sommer ist als wieder zu Ende.

    Herzliche Grüße :)

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>