[T] Das Projekt

–! Achtung! Dieser Themebeitrag kann Spuren von chemischer Terminologie enthalten. Lesen auf eigene Gefahr !–

Hi there!

Mein Arbeitsplatz, die einzige fume hood (naja, eher eine hoody) Sie steht immer auf, da es zu schwer ist sie zu schließen.Nachdem nun die ersten paar Wochen vergangen sind und ich mich arbeitstechnisch ein bisschen eingelebt habe kann ich auch den ersten Beitrag über mein Projekt hier schreiben – in der Hoffnung, dass auch ein paar meine Fachkollegen hier hineinschauen und sich vielleicht bereits gefragt haben, was ich hier mache. Aber auch alle Nicht-Chemiker dürfen sich gerne das Labor und die Arbeitsbedingungen hier anschauen. Lets go!

Der Kurs, der das Pojekt hier beinhaltet, heißt CHEM392A – Research Project 1. Es gibt auch ein CHEM392B – Research Project 2, was es damit auf sich hat, weiß ich leider nicht. Im Allgemeinen sind die Informationen über diesen Kurs recht dünn, in der Kursbeschreibung steht nur “Only for exchange students”. Auch nach der Anmeldung hab ich nicht mehr Informationen erhalten, nur den Namen des verantwortlichen Professors (Jean Duhamel). Nach meiner Ankunft hab ich daher zuerst diesem Professor eine Mail geschrieben und nach weiteren Informationen gefragt. Die hat er mir nicht gegeben. Vielleicht hab ich aber auch nur falsch gefragt. Aus Berichten anderer Austauschstudierender wusste ich, dass ich persönlich in einer Arbeitsgruppe fragen muss, ob ich dort das Research Project machen darf. Daher habe ich mich zuallererst auf der Übersichtsseite der Arbeitskreise umgesehen (hier). Da ich während meiner Bachelorarbeit bereits grob in Richtung Biochemie gearbeitet habe, dort aber nur an der Oberfläche der Enzyme und Proteine kratzen konnte, war meine erste Idee, diesen Bereich ein bisschen zu vertiefen. Passend dazu hatte ich ja auch den Kurs CHEM237 – Introductory Biochemistry belegt. In Paderborn gibt es leider nicht die Möglichkeit, sich in Richtung Biochemie zu vertiefen, daher möchte ich wenigstens ein bisschen Grundlagenwissen in dem Bereicht aufbauen und hier besteht die optimale Möglichkeit dazu. Also fix die Biochemie-AKs abgeklappert, wobei “abgeklappert” ein bisschen gelogen ist. Der erste AK auf der Liste macht NMR an Biomolekülen mit einem 700 MHz NMR! Da ich eine Schwäche für NMR habe, war meine Entscheidung an dieser Stelle eigentlich schon gefallen. Die anderen Arbeitskreise habe ich dann nur noch überflogen. Lustigerweise hat der Prof. Dieckmann sein Diplom und seinen Doktor an der Uni Braunschweig gemacht, bevor er nach Nordamerika gegangen ist. Also prinzipiell ein Deutscher, erkennt man auch sofort am Akzent, was mir, besonders am Anfang die Kommunikation erleichterte, da mir der deutsche Akzent mehr als geläufig ist.

Also per Mail angefragt, direkt eine Einladung und eine Aufgabe bekommen. Bei der ersten Besprechung habe ich noch nicht viel von der Aufgabenstellung verstanden und einfach nur ja und amen gesagt, aber im Endeffekt mache ich nun erstmal das, was ich am besten kann: organische Synthese. Hurra.

Die Aufgabenstellung, die ich zurzeit bearbeite, ist bereits in den letzten vier Monaten von einem Coop-Studenten bearbeitet worden, daher ist schon viel Material vorhanden und nach einer Woche einlesen hatte ich einen guten Überblick darüber, was schon gemacht wurde und was noch gemacht werden kann. Im Endeffekt soll ich ein Molekül herstellen, was zwei Funktionen bzw. Molekülfragmente beinhaltet, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip selektiv mit der einen Seite an ein Enzym und mit der anderen Seite an spezielle RNA-Sequenzen binden. Somit können diese speziellen RNA-Sequenzen aus einem RNA-Pool mittels eines mit dem Enzym beschichteten Trägers herausgefischt werden, da das Molekül (auch crosslinker genannt) die gesuchte RNA-Sequenz an das Enzym bindet. So weit so gut. Was ich nun zu tun habe, ist die eine Funktion bzw. das eine Molekülfragment mit der zweiten Funktion zu verbinden. Das soll über eine Peptidbindung geschehen, da das eine Fragment eine Carbonylfunktion und das andere eine primäre Aminfunktion beinhalten. Wie gesagt, einfache Synthesechemie.

Die Aufgabenstellung hört sich relativ einfach an, der Teufel steckt aber im Detail. Die Arbeitsgruppe ist relativ klein und führt normalerweise auch keine Synthesen durch, daher ist das Equipment in dieser Richtung etwas dürftig. Rotationsverdampfer? Fehlanzeige. Trockenschrank? Nope. Schutzgas? Nein. Viel Ausrüstung, die in Paderborn einfach selbstverständlich war, fehlt hier. Es geht auch so, irgendwie, aber es macht die Sache schwieriger. Nebenbei bemerkt, das Labor ist im Vergleich zum Paderborner Labor uralt. Ich wäre beim ersten Betreten fast rückwärts wieder rausgegangen. Hinzu kommt, dass man in der Biochemie nur sehr kleine Ansätze macht. Ein µmol-Ansatz? Völlig normal. 2 ml Reaktionsgemisch? Eigentlich schon zu viel. Ich fand schon die 2 mmol-Ansätze in Paderborn ein bisschen klein. Mit so wenig Material kann doch kein Mensch arbeiten! Beim Einwiegen von 1,2 mg Substanz wird mir immer ganz anders. Da ist doch der Messfehler schon größer als der Wert an sich. Und was soll ich dann nachher als Ausbeute herausbekommen? Ich tippe mal auf einen Hauch von nichts. Zu allem Überfluss ist mir auch noch das Lösemittel nahezu unbekannt: Wasser. Richtig, Wasser. Die uns Menschen geläufigste Substanz. Leider ist Wasser aber als Lösemittel in organischen Synthesen alles andere als üblich. Mit Wasser kommt nämlich noch eine weitere Schwierigkeit hinzu: Der pH-Wert. Leute, Pufferlösungen und pH-Papier in Ehren, aber ich traue der Lösung, was den pH-Wert angeht, kein Stück über den Weg. Selbst die pH-Elektrode, die ja eine hohe Genauigkeit suggeriert, konnte mich bisher nicht von ihren Ergebnis überzeugen. Das Spiel mit den pH-Werten ist mir völlig unbekannt und ich hasse es! Schon nach einer Woche präparativer Arbeit! Also Zusammengefasst: Alte Aufgaben, neue Herausforderungen. Aber so soll es ja auch sein.

Ich habe hier immerhin einen eigenen Arbeitsplatz mit PC, der, nach einigen Stunden dran herumwerkeln, inklusive Drucker auch ganz ordentlich funktioniert. Leider habe ich, obwohl ich nur zwei Kurse neben dem Projetz habe, wenig Zeit für die Arbeit im Labor. Es ist einfach was anderes, ob man morgends ins Labor kommt und abens wieder geht oder ob man zwischendurch noch anderen Kram zu erledigen hat. Ich muss pro Woche mind. 9 Stunden im Labor sein, aber in 9 Stunden bekommt man ja nix gebacken. Normalerweise bin ich auch länger da.

In der Arbeitsgruppe sind außer mir gerade leider keine dauerhaften Mitarbeiter, da alle ehemaligen kurz bevor ich gekommen bin fertig geworden sind. Daher bin ich meißtens alleine, was auch eine Umstellung ist. Schade, ich hatte gehofft, über den AK andere Chemiker kennenzulernen, da ich mich auch gerne fachlich ein bisschen über den Tellerrand geblickt hätte. Alle Chemiker, die ich bisher getroffen habe, (abgesehen von den Profs) sind aber entweder sozial inkompetent oder arrogant. Ansprechpartner ist für mich direkt Prof. Dieckmann, es gibt keinen Laborleiter oder andere Mitarbeiter, die die Betreuungsaufgaben übernehmen. Prof. Dieckmann ist aber ein netter Mensch und  zeigt auch reges Interesse an meiner Arbeit.

Ach ja, Thema Sicherheit: Ich bin der Einzige, der im Labor mit Kittel und Schutzbrille rumrennt. Das könnte einerseits daran liegen, dass ich meißtens auch der einzige bin, der überhaupt rumrennt, andererseits arbeite ich auch als einziger präparativ. Mein Schutzkittel ist einer von den guten aus Mischfaser, ich freue mich schon brennend (haha) auf meinen ersten Hitzeunfall. Hoffen wir, dass er nicht eintritt.

So, zum Abschluss noch ein paar Fotos aus dem Labor. Wenn ihr noch Fragen zu meinem Projekt habt, immer her damit! Ich male auch gerne Strukturformeln oder Schemata, falls da bedarf besteht 😉

Liebste Grüße aus Kanada,

Niko

Die Arbeitsplätze, meiner ist der ganz rechts.Das kleine Labor, hier wird Biochemie mit RNA gemacht!Das große Labor, voll mit allen möglichen AnalysegeätenMein Arbeitsplatz, die einzige fume hood (naja, eher eine hoody)
Sie steht immer auf, da es zu schwer ist sie zu schließen.Das Abtropfbrett neben meiner fume hood mit Glasgeräten, die mein Vor-vor-vorgänger mal gespült hat (ohen VE-Wasser)Aha, also ich muss diesen Pulli tragen damit die Reaktion klappt...?

Ein Gedanke zu „[T] Das Projekt

  1. Janosch

    hier in Bremen liegt jemand seit gefühlt 22 minuten lachend und weinend unterm Tische :)
    Niko, du bist der GRÖßTE
    Grüße nach Kanadisch-island

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>